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Mach das Gaslicht aus, Schatz – Was wäre, wenn wir im viktorianischen Zeitalter anders abgebogen wären? Steampunk sucht Antworten

Von Bernhard Baumgartner

Das Steampunk-Genre verlässt den Schatten einer literarischen Subkultur.

Aus dem hölzernen Keybord ragen runde Messingknöpfe, sorgsam graviert in alter Handschrift, die Handballen ruhen auf einem Polster aus rotem Samt, in den Applikationen aus Messing sind viktorianisch anmutende Verzierungen eingearbeitet. Hätten Sherlock Holmes oder Queen Victoria einen Computer besessen – er hätte wohl so ausgesehen. Edles Design, vom Feinsten. Kann bitte jemand noch Holz im Kaminfeuer nachlegen?

Wenn der „Doc“ die Bestellungen für seine Kreationen entgegen nimmt, tut er das auf einem seiner klassischen Keyboards. Der „Doc“ betreibt eine Website names Datamancer, die die Herzen von Fans des Genres „Steampunk“ zum Salto rückwärts motiviert. Denn der Doc ist einer von zahlreichen „Makern“, wie es im Genre heißt. Einer, der Dinge herstellt, die es so nicht gegeben hat – die aber so aussehen, als wären sie im London des Jahres 1890 entstanden. Gegenstände des Alltags, die heute selbstverständlich sind, werden dabei einem radikalen Re-Design in Richtung 1890 unterworfen: Handys, Laptops ja ganze Computeranlagen. Holz, Messing, Stahl, aber auch Zahnräder und übermannshohe Dampfmaschinen -sie alle sind Designelemente, die im Steampunk Verwendung finden. Das sagt schon der Name, der an das Zeitalter der Dampfmaschinen erinnern soll. Nicht umsonst ist die runde Schutzbrille eines Kessel-Heizers die Ikone der Steampunker.

Steampunk fragt sich: Was wäre gewesen, wenn sich historische Technologie anders entwickelt hätte, wenn wir in dieser Zeit anders abgebogen wären? Wenn wir mit gigantischen Luftschiffen fliegen würden statt mit schnöden Airbussen? Das Genre, das meist mit einer Romantisierung der viktorianischen Zeit einhergeht, kommt ursprünglich aus der Science-Fiction-Literatur der Achtziger Jahre. Heute ist es längst nicht mehr auf Bücher beschränkt. Musik, Bekleidung, Film – Steampunk beginnt mit seinen Subgenres nun weitere Kreise der Bekanntheit zu ziehen. Es bewegt sich von der Randerscheinung in Richtung Mainstream. Wenn Martin Scorsese in seinem neuen Film „Hugo Cabret“ übermannshohe Uhrenmechanismen und ein „Automaton“ , einen komplexen, mechanisch betriebenen Roboter, der Träume aufzeichnen kann, in den Vordergrund stellt, dann sind das Steampunk-Elemente. In diesem Fall aus dem Subgenre des Clockpunk. In diesem spielen statt Dampfmaschinen mechanische Apparate die Hauptrolle.

Aber „Hugo“ ist nicht der erste Mainstream-Film, der in der Steampunk-Subkultur wildert, 1999 wurde mit dem Retro-Western „Wild Wild West“ gezeigt, wie es aussieht, wenn die Hollywood-Designer Trends des Steampunk annehmen. Auch die „Liga der außergewöhnlichen Gentlemen“ bedient sich retrofuturistischer Designs der Vergangenheit. Und Peter Jackson („Herr der Ringe“) hat angekündigt, die „Lärchenlicht Trilogie“ zu verfilmen, zwar an sich ein Jugendbuch, dem aber von der Community der Fans zu hundert Prozent Steampunk attestiert wird.

Die Hauptfeder ist defekt
Als literarischer Klassiker, der an der Wiege des Steampunk stand, gilt heute ein Werk von K. W. Jeter – „Infernal Devices“ von 1987. In William Gibson und Bruce Sterlings „The Difference Engine“ geht es etwa um Hacker von mechanischen Apparaturen. In dem Rollenspiel „1899“, erschienen Ende der achtziger Jahre, dreht sich alles um Raumfahrt im viktorianischen Zeitalter. Als Klassiker des Genres „Clockpunk“ gilt etwa „Mainspring“ von Jay Lake (2008), in der das Weltall als große mechanische Apparatur gesehen wird, aber es gibt ein Problem: Die Hauptfeder („Mainspring“) der Erde ist defekt. Wie bei jeder Subkultur sind deren Fans skeptisch, wenn der Mainstream beginnt, sich für sie zu interessieren.

So beklagen Beobachter, dass in letzter Zeit große Publikumsverlage das Genre als potenziell lukratives Feld für sich entdeckt haben – nachdem sie jahrelang nichts von Steampunk-Autoren wissen wollten. „Steampunk verkauft sich plötzlich gut. Manche kleben jetzt einfach ein paar Zahnräder und einen Zeppelin aufs Cover und verkaufen das als Steampunk, obwohl es gar keiner ist“, sagt Stefan Holzhauer, der mit steampunk-chroniken.de eine Homepage für Steampunk-Fans betreibt.

Die Taschenuhr ist Pflicht
Was Steampunk ist und was nicht, diese Deutungshoheit nehmen die Genre-Fans noch für sich in Anspruch. Tatsache ist aber, dass die Fangemeinde wächst, was sich auch im Angebot etwa an Steampunk-Bekleidung niederschlägt. Neo-viktorianisches Gewand vom Frack bis zum Stehkragen (das auch eine gewisse Nähe zum Gothic-Style nicht verleugnen kann) sowie Accessoires gehören dazu (Taschenuhr ist Pflicht). Der Zylinder ist in diesen Kreisen nicht wieder im Kommen – er war nie out. Durch Nachbauten wie Handys im Steampunk-Style verbreitet sich die Message.

Ist das reiner Eskapismus, eine Flucht in einer irreale, bessere Welt? Für manche sicher. Einige wollen einfach ein bisschen anders sein. Was kommt da besser an als ein Computer, der aus dem Victoria & Albert Museum stammen könnte? Also, sofern der „Doc“ die Lötlampe schwingt.

via Mach das Gaslicht aus, Schatz – Was wäre, wenn wir im viktorianischen Zeitalter anders abgebogen wären? Steampunk sucht Antworten.

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Verfasst von - 19. Februar 2012 in Steampunk News

 

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