RSS

Jules Verne und das Kino – Die Reise zur geheimnisvollen Insel

10 Mrz

von Roman Dobrovolny, am 5.3.12

die reise zur geheimnisvollen insel

Seit Kurzem läuft Die Reise zur geheimnisvollen Insel in den Kinos. Wie auch sein Vorgänger Reise zum Mittelpunkt der Erde bedient sich Brad Peytons Film an Story-Elementen des französischen Romanautors und Wegbereiters der Science-Fiction Jules Verne. Der in 3D-Technik produzierte Film führt die lange Auseinandersetzung des Kinos mit dem Werk Jules Vernes weiter. Ein Werk, welchem die Entwicklung des Films einiges verdankt. So dienten die Texte des visionären französischen Autors niemand Geringerem als dem Stummfilm-Pionier Georges Méliès zur Inspiration. Sein Verdienst dabei besteht jedoch keineswegs nur darin, den Visionen Jules Vernes ein visuelles Gepräge gegeben zu haben – mit seinen Verne-Verfilmungen (u.a. Le voyage dans la lune (1902), 20000 lieues sous les mèrs (1907)) brachte Méliès zu allererst den Film als ein künstlerisches Medium auf den Weg.

Zugegeben: die „Spezialeffekte“ eines Films wie Le voyage dans la lune reißen den mit der hundertjährigen, auf Méliès folgenden Kino- und Bildtradition vertrauten Zuschauer nicht mehr wirklich vom Hocker. Eher erfolgt die Darstellung der „Raumfahrttechnik“ sowie der fremden Mondlandschaft und -zivilisation, die es hier zu sehen gibt, mit einer heiteren Naivität, die sich – zumindest aus heutiger Perspektive – die meiste Zeit selbst aufs Korn zu nehmen scheint. Und auch Jules Vernes selbst, der in seinen Werken stets um Augenhöhe mit der zeitgenössischen Wissenschaft bemüht war, hätte über die zwar originellen, aber in ihrer Illusionswirkung doch recht dürftigen Anstrengungen Méliès wohl allenfalls milde gelächelt. Doch ist dies nicht wirklich wesentlich. Bemerkenswert ist vielmehr, dass ein Filmemacher wie Georges Méliès, der selbst ein bahnbrechender Erfinder auf dem quasi-wissenschaftlichen Gebiet filmischer Tricktechnik war, sich gerade von Jules Verne inspirieren ließ.Méliès begeisterte sich auf diese Weise für ein Medium, das wie keines zuvor auf Technik zum Zweck der Illusionsbildung zurückgriff. Diese anhaltende und ansteckende Begeisterung, welche die Entwicklung des Kinos seit frühesten Tagen antreibt, geht somit auf Beweggründe zurück, die dem literarischen Konzept Vernes – seinem Fortschrittsoptimismus, seinem Hang zum Phantastischen und seinem stets dem Eskapismus zugeneigten Entdecker-Gestus – mehr als nur verwandt sind.

Die kühnen Phantasien Vernes kreisen zumeist um fremdartige Lebensformen und bedrohliche Anderswelten, durch welche sich die Protagonisten mittels diverser technischer Gadgets einen Weg bahnen. Diese Merkmale prädestinieren seine Stoffe natürlich geradezu für ihre filmische Adaption durch ein (Illusions-)Kino, welches sich seit Méliès Tagen immer wieder auch als Fenster zu unentdeckten Welten begreift. So wurden Méliès und seine Nachfolger nicht müde, sich stets aufs Neue an Umsetzungen Verneszu erproben. Besonders 20000 Meilen unter dem Meer Reise um die Erde in 80 Tagen und Reise zum Mittelpunkt der Erde erfuhren dabei gesteigertes Interesse. Sie wurden jeweils um die zwanzig Mal verfilmt. Filme wie Richard Fleischers erfolgreiche Adaption von 20000 Meilen unter dem Meer (eine Disney-Produktion von 1954 mit Kirk Douglas und James Mason in den Hauptrollen) arbeiteten sich in puncto tricktechnischem Raffinement immer wieder an den Visionen des Sciencefiction-Pioniers ab. Mit Blick auf diese Entwicklung, die mit der 3D-Umsetzung von Reise zum Mittelpunkt der Erde und Reise zur geheimnisvollen Insel wohl einen vorläufigen Höhepunkt erreicht, lässt sich geradezu behaupten, dass das Kino – in seiner stetigen Auseinandersetzung mit Jules Verne – selbst zu einer Art verne’scher Illusionsmaschine geworden ist. Eine Maschine, die die Vorstellungswelten Vernesmittlerweile weit hinter sich gelassen hat, um ihrerseits Welten, ja ganze Universen (von Star Wars, über Star Trek, bis zu Matrix) hervorzubringen. Der Aufwand und die Finesse in Animations- und 3D-Technik, die dabei mittlerweile von Filmemachern wie James Cameron (Avatar) oder Martin Scorsese (Hugo Cabretund vielen anderen an den Tag gelegt werden, hätten letztlich wohl auchJules Vernes einen gewissen Respekt abgenötigt.

Indessen bricht, wie gesagt, die filmische Rezeptionsgeschichte Vernes dennoch nicht ab. Es bedarf dabei mitunter nicht einmal mehr der direkten Adaption, insofern sich seine Stoffe – wie anhand vonReise zur geheimnisvollen Insel deutlich wird – längst in so etwas wie kulturelle Versatzstücke für einen bestimmten Zweig des Abenteuer- /Unterhaltungskinos verwandelt haben. Auch ist es nicht schwierig Vernes Einfluss hinter der Fülle sogenannter Steampunk-Filme (etwa Hugo Cabret) zu bemerken, die momentan auf den Markt gebracht werden. Und selbst in Camerons Avatar lassen sich die bereits erwähnten typisch verne’schen Plot-Elemente – fremde Lebensformen in Verbindung mit einer der Erde ähnliche aber dennoch grundverschiedenen Welt, die der Mensch sich durch Technik unterwirft – im Grunde deutlich ausmachen.

Während nun aber Filme wie Avatar (genau wie auch die ältere Matrix-Trilogie) in ihrem filmtechnisch-formalen Aspekt eine gewisse Technik-Begeisterung geradezu zelebrieren, so legen sie doch – auf ihrer inhaltlichen Ebene – eine kritische Skepsis an den Tag, die sich problematisierend mit Technik im Allgemeinen auseinandersetzt. Es handelt sich bei ihrer Kritik um eine definitive Abwendung von jeglichem naiven Fortschritts-Optimismus und Technik-Pathos, wie sie für die Werke Jules Vernes so charakteristisch sind. Ganz anders verhält es sich mit den erwähnten, dem „Steampunk“ zuzuordnenden Filmen, die bild- und tricktechnisch zum Teil auf ähnlich hohem Niveau rangieren. Ganz im Gegensatz zur technik-kritischen Stoßrichtung der Marke Avatar, oder Matrix bekennen sie sich emphatisch zu einer nostalgisch-verklärten Vorform der modernen Technik: Zu eben jenen Dampf- und Zahnrad-betriebenen Maschinerien nämlich, wie sie im 19. Jahrhundert der damals noch revolutionären Vorstellungswelt eines Jules Verne entsprangen.Nun täte man dem Steampunk allerdings Unrecht, wollte man seinem Retrofuturismus jegliches kritische Moment absprechen und in derartigen Filmen partout nur trendiges Unterhaltungskino in einem bestimmten, ästhetisierenden Gewand sehen. Auch hier wird eine gewisse, wenngleich naivere Technik-Kritik geübt. Diese ist allenfalls weniger global ausgerichtet, insofern sie sich nur auf eine bestimmte „entfremdete“ Technik richtet, die ihre Funktionsweise hinter polierten Oberflächen und Touchscreens der Kenntnis des Benutzers entzieht. Dieser „bösen“ wird die „gute“, in bester D-I-Y-Manier instandgehaltene Technik entgegengesetzt. Gefeiert wird der ehrlich-bodenständige, sympathisch vor sich hinschnurrende Apparat, zu dem man sich in sehnsuchtsvoller Nostalgie zurückwünscht… Angesichts dessen lässt sich nun allerdings sehr wohl infrage stellen, ob eine weitere filmische Auseinandersetzung mit Jules Verne im 21. Jahrhundert noch einen Punkt hat, der über anachronistisch angehauchte Unterhaltung und eskapistisches Jugendkino hinaus geht.

Advertisements
 
Kommentare deaktiviert für Jules Verne und das Kino – Die Reise zur geheimnisvollen Insel

Verfasst von - 10. März 2012 in Steampunk News

 

Schlagwörter: , ,

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.

 
%d Bloggern gefällt das: